Sonntag, 28. März 2010

Wildwechsel

„Ein Prophet“ von Regisseur Jaques Audiard (2009)


Fuß vom Gas, langsam und konzentriert fahren, die Umgebung besonders im Auge behalten, größte Gefahr Nachts und im Nebel und bei Morgen- und Abenddämmerung – dieser Wildwechsel bestimmt das Leben des 20jährigen arabischstämmigen Malik (gespielt von Tahar Rahim), als er zu 6 Jahren Haftstrafe verurteilt wird, dieses Mal bei den großen Jungs.

Ist es ein Film über Kommunikation?
„Du redest mit den Korsen?“ „Ja.“ „Und mit den Italienern?“ „Ja.“ „Und mit den
Arabern redest du auch?“ „Ja.“ „Bist du ein Prophet, oder was?“
Dies wird Malik von einem Schwerverbrecher gefragt, der sich noch nicht entschieden hat, ob er ihn umbringen oder mit ihm zusammenarbeiten wird.

Malik redet. Er redet, er windet, er überwindet, er spielt den Hiwi, den Handlanger, den Mörder und bald selber einen der großen Jungs.
Am Anfang ist er ein 20jähriger Analphabet, seit dem 11.Lebensjahr nicht mehr in der Schule, keine Beziehung zu den Eltern, von einem Heim zum anderen, an seine Muttersprache kann er sich nicht erinnern. Er hat 50 Franc in der Tasche, die ihm beim Einpassieren in das Gefängnis gleich abgenommen werden, und die zusammen mit einer Zigarette, als einziger persönlicher Besitz in einer Schuhschachtel verschwinden.

Als er rauskommt warten auf ihn eine hübsche Frau und ein Kind, drei große fette Autos mit einem Haufen grinsender, johlender Jungs. Er spricht französisch, arabisch und italienisch, und hat nicht nur seinen Schulabschluss im Gefängnis gemacht – sondern auch eine Ausbildung ganz anderer Natur.

Was diesen Film zu etwas so Besonderen macht: er wirkt wahrhaftig und echt. Das liegt an einer unglaublichen Verkettung und unglaublichen Szenen dieses hervorragenden Drehbuches (Autoren: Jaques Audiard, Abdel Raouf Dafri, Nicolas Peufaillit, Thomas Bidegain), der unmittelbaren Kameraführung (Stéphane Fontaine) und der großen schauspielerischen Leistung von Tahar Rahim, der den Malik spielt.

Malik redet. Er redet auch immer wieder mit dem Mann, den er ermorden musste, um nicht selbst zu sterben. Er nimmt seine Präsenz und seine Ratschläge ebenso stoisch hin, wie alle anderen Schikanen, und er schaut immer ganz genau auf die Wunde am Hals, die er ekelig findet und die er selbst ihm zugefügt hat.
Wenn dieser Malik zum ersten Mal in seinem Leben in ein Flugzeug steigt und beim Sicherheitscheck den Mund aufreißt, wie er es im Gefängnis gelernt hat, wenn dieser Malik zum ersten Mal in seinem Leben mit den Füßen im Meer steht und Stunden später mit den Sandüberresten aus seinen Schuhen spielt, oder wenn er sein Patenkind linkisch umarmt und dann seine Arme um ihn schlingt und mit ihm zusammen einschläft – mehr Unschuld, mehr Erstaunen, mehr Wärme habe ich lange nicht mehr im Kino gesehen.

Und wenn ich für den Paten wider Willen „Michael Corleone“, immer Bedauern und Mitgefühl hatte, für diesen Jungen, für diesen Malik, habe ich mehr als das. Ohne es je zu sagen, ja ohne es anzudeuten, geht man aus diesem Film mit der Gewissheit, unsere Gesellschaft und wie sie die Menschen am Rande behandelt, ist verantwortlich für die Maliks dieser Welt. Und ich wünsche mir, wir könnten nur einen von ihnen retten.
Unbedingt ansehen!

Dienstag, 20. Oktober 2009

Samstag, 12. September 2009

District 9

District 9 - Regie Neill Blomkamp - ist ein absolut außergewöhnlicher Film.
Doku-Drama, Action, Gesellschaftskritik, ein kafkaesker Beamter, insektenartige Aliens, eine im Herzen wahre Geschichte.
Anschauen!

Sonntag, 6. September 2009

Meiner! Meiner! Meiner!

In meiner Stadt haben viele Kopfschmerzen und nicht nur wegen Wodka und Red Bull. Die meisten kennen ihren Vater nicht und ihre Mutter viel zu gut. Überlebenswichtig sind Anruferkennung, Tomapyrin, Bargeld, Balkon und Biergarten. Die meisten leben schon so lange allein, dass sie lauter Einzelkinder geworden sind. „Meiner! Meiner! Meiner!“, hört man nicht nur auf dem Spielplatz, es wird auch gern um Sitzplätze, Parkplätze ja selbst um den schnellsten Kassenplatz im Supermarkt gerauft.

Samstag, 5. September 2009

Rote oder Blaue

In meiner Stadt da bist du entweder ein Roter oder ein Blauer. Manche werden schon gleich nach der Geburt dazu gemacht. Schal um, Schnuller rein, Photo, fertig.
Wenn du ein Blauer bist, dann liegt deine Schmerzgrenze ziemlich hoch. Du erwartest Niederlagen und freust dich über Kleinigkeiten.
Als Roter musst du lernen mit Schadenfreude, Neid und Missgunst umzugehen.
Aber beiden, Roten wie Blauen, schmeckt das gleiche Bier.

Mittwoch, 24. Juni 2009

Hilfe! Werbung bei "Bookrix"!

„Bookrix“ ist eine Internetplattform für Autoren und Autorinnen und solche die es werden wollen. Hier kann man ganz leicht – selbst für eine Blondie wie mich – sein „Buch“ (hier handelt es sich meist um Kurzgeschichten/Auszüge) erstellen, mit einem coolen Cover versehen und online stellen: schaut her! Hier bin ich!
Man kann auch Freundschaften abschließen, sich in Foren austauschen, Gruppen gründen, „Facebook“ für Bücherratten also.
Großes Lob an die Programmierer dieses wirklich einfach zu bedienenden Tools.

Bei „bookrix“ gibt es auch Wettbewerbe. Momentan läuft auch wieder einer: Schneller, höher, weiter!
Für diesen Wettbewerb meldet man sein Buch an und andere Leser bewerten dann dieses Buch als lesenswert, vergeben Sternchen und Pokale, oder schweigen, und am Ende des Wettbewerbes gewinnt das „Buch“ mit den meisten positiven Bewertungen.

So weit, so gut.

Nun ist aber in den Foren bei „bookrix“ ein Aufschrei zu Gange. Und nicht zum ersten Mal. Höher, schneller, weiter: aber bitte ohne Werbung! Schiebung wird gemunkelt, „ungerecht“, die Gewinner stehen ja schon vorher fest, wer viele Freunde hat wird gut bewertet, Qualität bleibt auf der Strecke, ich mag nicht mehr mitmachen!

Armes Deutschland! Arme Heimat!

Was ist passiert?

Einige Autoren sind Gott sei Dank Marketing-Genies! Sie schließen Freundschafen, sie fragen bei anderen nach „Hey, magst du mich vielleicht auch mal lesen? Und bei Gefallen, auch bewerten?“ Manche sind frecher, die lassen das „bei Gefallen“ weg. Oder sie lesen und bewerten selber viele andere Autoren. Natürlich geht diese Rechnung meistens auf. Und warum auch nicht? Jeden Autor interessiert in der Regel doch, was ein anderer geschrieben hat, von dem man ein Lob bekommt.
Und dann gibt es anscheinend auch „Schüler“ bei „bookrix“. „Schüler“ die coole Geschichten schreiben und tolle Mangas zeichnen. „Schüler“ die ihre ganzen Lokalisten- und Klassen- und Facebook-Freunde aktivieren, sich bei „bookrix“ anzumelden um ihr „Buch“ zu lesen. Wahnsinn! Ein Verbrechen sonderesgleichen! Die machen ja Werbung für sich!
Armes Deutschland! Arme Heimat!
Noch immer wird hier Selbst-Marketing verteufelt, mit einem Stigma versehen.
Und was ist der große Vorwurf?
Es hat ja nicht „die beste“ Geschichte gewonnen!
What else is new?
Und?
Jeder Wettbewerb ist subjektiv! Selbst der “Bachmann-Preis” in Klagenfurt ist subjektiv!
Wenn man sich einmal mit „Lektoren“ unterhält, die hinter den Ausschreibungen stehen und erfährt wie viele Leute für einen „stimmen“ müssen, damit man es in die „Endausscheidung“ schafft, ist das objektiv? Oder Verlagsmitarbeiter fragt, wie ein „Neuling“ es in den Verlag geschafft hat, dann kann man ganz relaxt weiterschreiben.
Ja, es gehört auch Können dazu, aber auch Glück, und Zufall und nochmals Glück.
Aber, liebe Schreiberkollegen: es gehört auch ganz bestimmt Marketing dazu!
Wenn ich ein Verlag wäre, dann würde ich auf jeden Fall tausend Prozent lieber einen Autor unter Vertrag nehmen, der schon eine Fangemeinde hat, sich nicht scheut für sein Buch öffentlich zu werben, der aktiv ist. Denn ich möchte, dass mein Autor gelesen wird.

Auch ich bekomme Anfragen von „bookrix“ Usern, ob ich ihr Buch denn lesen mag.
Hallo? Warum denn nicht?
Nur, wie ich es dann mit dem Bewerten halte, das ist meine persönliche Geschmackssache.
Gefällt mir eine Geschichte, bekommt sie einen Stern, einen subjektiven Pokal, oder was auch immer.
Gefällt sie mir nicht, dann schreibe ich meistens dem Autor/der Autorin persönlich – von dem höre ich dann zwar nie wieder was, Kritik geben und empfangen ist einfach auch schwer – oder ich schweige und lese die nächste Geschichte.

Bei dem ersten „bookrix“ Wettbewerb hat ein zwei Seiten langes „Buch“ gewonnen.
Come on! Ist doch zumindest schnell zu lesen! Man muss sich nicht durch dreihundert stinklangweilige Seiten quälen. Ex und hopp!
Auch ich habe dieses Buch damals gelesen, sogar dreimal! Obwohl nicht wirklich schlecht geschrieben, fühlte ich mich irgendwie verarscht, ohne genau zu wissen wofür.
Ganz, ganz viele „bookrix“ User gerieten über dieses „Buch“ ins Schwärmen. Ganz, ganz viele schimpften in den öffentlichen Foren. Das Buch bekam viel Aufmerksamkeit und bekam die meisten Stimmen.
Lange blieb der Autor, „Rabenbruder“, eine geheimnisvolle Unbekannte. Irgendwann lüftete er sein Inkognito. Ich schaute mir seinen Blog an.
Ja, der Autor kann schreiben. Ja, dieses „Buch“ ist ein Beispiel für erfolgreiches Marketing. Ja, ich glaube immer noch, rein subjektiv versteht sich, verarscht zu werden. Ja, rein subjektiv, fand ich dieses „Buch“ nicht das „beste Buch“ im Wettbewerb. Aber: what else is new? Darüber weine ich nicht mein Kissen nass.

Im aktuellen Wettbewerb liegt der gleiche Autor momentan am zweiten Platz – und wieder gibt es Stimmung in den Foren.
Natürlich hab ich sein Buch gelesen und – Überraschung – ich fühle mich schon wieder verarscht, aber diese Mal in einer so intelligenten und rotzfrechen und ironischen Weise, das ich nichts anders machen konnte, außer: Stern und Pokal und Chapeau!
Ist es das „Beste Buch“ im Wettbewerb? Bestimmt nicht! Sicher nicht! Vielleicht! Mag sein! Ja! Nein!
Sucht euch eine Antwort aus, ich geh jetzt weiterlesen.
Wobei es mir dabei unter dem Lesen oft so geht, wie dem User „bloop2009“, nachzulesen in seinem Buch „Herr Bloop liest Bookrix Stories“. Dafür braucht man keine Worte.